Der Friedhofspuk

Friedhofsansicht um 1700

von Franz Wieland


Ein Friedhof gilt als schauriger Ort.
Bei Nacht will niemand weilen dort.
’s ist wohl auch heut noch vielen bange
vor einem nächtlichen Friedhofsgange.

Besonders in der Geisterstund
soll ’s zugehn oft dort kunterbunt.
Es treiben da ihr schlimmes Wesen
ruhlose Seelen, ist zu lesen.

Ja, manchem, der sich stark gefühlt,
ward dort recht übel mitgespielt.
So ist einmal ein Fall passiert,
und der sei nun hier angeführt.

Es saßen mal - s’war abends schier -
recht lust’ge Bürger bei dem Bier.
Sie hatten einige Schoppen schon
und unterhielten sich davon.

„Ich wette“, da ein Zecher sagte,
’s ist keiner unter uns, der ’s wagte,
heut Nacht den Friedhof aufzusuchen.
„Doch ich!“ schrie einer unter Fluchen.

Es war ein Schreiner - nicht vom Orte -,
der gerne machte große Worte.
„Ich bring heut Nacht ein Kreuz noch an
und nagle einen Kranz daran“.

„Ich sollte das ja zwar erst morgen,
doch trau ich mir ’s auch nachts ohn’ Sorgen,
um mich zu zeigen als ein Mann,
dem ’s Gruseln man nicht lernen kann.“

„Bravo!“, so rief ein Saufkumpan
und stieß die andern heimlich an.
„Wir packen Dich sogleich beim Wort!
Das mußt Du machen! Klar! Sofort!“

Die andern stimmten eifrig zu
und ließen ihn nicht mehr in Ruh,
bis her er holte Kreuz und Kranz.
Da war’n begeistert alle ganz.

Man blieb noch sitzen unter Singen
und trank noch viel auf gut Gelingen,
bis schließlich schlug die Geisterstunde;
da brach sie schwankend auf, die Runde.

Voraus mit Kreuz und Kranz im Arm
der Schreiner, dann der ganze Schwarm.
Sie machten Mut sich mit Gebrüll,
doch nach und nach sie wurden still.

Wie sie dem Friedhof nahe kamen,
dem Schreiner wollt der Mut erlahmen;
jedoch die andern schoben ihn,
bis er zum Kirchhofstore drin.

Dort die Kumpane blieben stehn
und ließen ihn alleine gehn;
denn er, er hatte ja geschworen,
daß raus er komme ungeschoren.

Behende wohl - und doch mit Zagen
der Schreiner Kreuz und Kranz tät tragen.
Kein Geist ihm auch den Weg verwehrte,
zum Grabe wohl, wo ’s Kreuz hingehörte.

So glücklich - bei der Sterne Funkeln
fand er den rechten Platz im Dunkeln.
Er machte schnell sich an sein Werk,
aus Angst, es schwinde seine Stärk.

Schon stand das Kreuz an seinem Platze,
da nahte eine schwarze Katze.
Die schrie „Miau!“ zum Steinerweichen.
Dem Schreiner schien ’s ein schlimmes Zeichen.

Rasch nagelte den Kranz er hin,
um möglichst bald vom Ort zu fliehn.
Da ward er plötzlich festgehalten,
mocht er auch alle Kraft entfalten.

Er kam nicht mehr vom Flecke weg.
’s war alles Zerren ohne Zweck.
„Zu Hilfe!“ fing er an zu schrein,
daß die Begleiter kämen rein.

Sie sollten ihn vom Griff des Bösen
und allem Schrecken rasch erlösen;
denn in der großen Seelennot
der gute Schreiner war halbtot.

Die Freunde schauten zwar herein,
zu sehen, was das möchte sein,
was ihrem Helden zu so setzte
und ihn wie tausend Teufel hetzte.

Doch als er schrie: „Ich muß ja sterben!“
ging auch ihr Mut in lauter Scherben.
Sie rannten wie besessen weg
und ließen sitzen ihn im Dreck.

Und wie Freund Schreiner es erging?
Zum Glück ’ne Ohnmacht ihn umfing,
so daß er diese graus’ge Nacht
in süßer Ruh hat zugebracht.

Es warn jedoch am andern Morgen
des Schreiners Freunde sehr in Sorgen.
Für sie stand es ganz außer Zweifel,
daß ihn heut Nacht geholt der Teufel!

Und kaum als es dann richtig tagte,
von ihnen einer hin sich wagte.
Der fand den Schreiner, diesen Braven,
am Kreuze hängend ruhig schlafen.

Er hatte leider in der Nacht
den Rock zwischen Kreuz und Kranz gebracht,
als angenagelt er den Kranz.
Er selber war zum Glück noch ganz.

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