Das Rockertweibel

Blick vom Rockertfelsen ins Tal

von Franz Wieland

Vom Rockertwald, dem düstern Wald,
da gibt’s ’ne schöne Sage,
die wert ist, daß von Zeit zu Zeit
man wieder vor sie trage.

Dort ’s Rockertweibel, krumm und alt,
am Stab mußt gehn im Wald,
weil es ’nen falschen Eid erdacht
und jenen Wald an sich gebracht.

Von Hilpertsau und Reichental
war Eigentum er dazumal,
und ’s Rockertweibel, bucklig, klein,
war Gräfin von Schloß Eberstein.

Als solche, jung, voll Lebenslust,
hat sie nicht ein noch aus gewußt.
Sie war doch ein so schönes Weib,
das gern geschmückt den stolzen Leib.

Sie mußt verzichten auf Geschmeide,
auf Kleider, die von Samt und Seide.
Wie gern hätt’ sie vertan viel Gulden,
jedoch ihr Graf besaß nur Schulden.

Oft hatte auf dem Schloßbalkon
sie damit sich beschäftigt schon,
wenn so das Aug’ ins Weite schweifte;
doch keine Überlegung reifte.

Ja, rein vergeblich schien ihr Sinnen,
wie man nur könnte Geld gewinnen,
bis schließlich im Gedankendrängen
ihr Blick am Rockertwald blieb hängen.

Fürwahr, der hatte hohen Wert,
doch hat er nicht zum Schloß gehört.
Er war Besitz von Murgtalbauern,
und sie mußt auf dem Schloß versauern!

Wenn dieser Wald mal wär ihr Eigen,
dann könnte sie sich richtig zeigen!
Sie sah sich reiten schon vom Schlosse
auf einem stolzen edlen Rosse,
und um sich viele Herrn und Ritter.
Daß es nicht schon so war, war bitter.

Und ach, so lang der Graf am Leben,
konnt’ es auch keine Ändrung geben.
Er war wohl arm, doch stets gerecht,
selbst gegen seinen ärmsten Knecht.

So nagte in der Gräfin Herz
ein gräßlich bittrer Seelenschmerz,
und in der eitlen Sucht nach Geld
verfluchte sie die ganze Welt,
verfluchte auch im Gram den Graf’:
denn der war ihr zu zahm, zu brav.

Sie wünschte heimlich seinen Tod,
so weit trieb sie die Geldesnot.
Vielleicht half sie auch etwas nach,
daß ihm das Herz im Leibe brach.

Kurzum er starb, der sehr geehrt;
gleich hat den Wald sie frech begehrt,
erklärte, daß sie es beschwöre,
daß Eberstein der Wald gehöre.

Zunächst ließ das die Bauern kalt;
sie holten weiter Holz im Wald.
Da ließ die Gräfin ohne Zagen
sie einfach aus dem Walde jagen;
und als sie davon abließ nicht,
kam schließlich es noch vor’s Gericht.

Im Rockert fand die Tagung statt,
wo sie den Wald erschlichen hat.
Der Eid war falsch, den sie ersonnen,
mit dem sie dann auch hat gewonnen.

Denn unterm Hut, voll List und Arg,
’nen Suppenschöpfer sie verbarg
und streute fein in ihre Schuh
noch ebersteinische Erd dazu.

So ausgerüstet und eiskalt
sie auftrat dann im Rockertwald.


Als dann der Schulz von Hilpertsau
genug gestritten mit der Frau,
sie schließlich dann zum Eide trieb,
war dies dem bösen Weibe lieb,
und kalt - von Reue keine Spur
sie leistete den falschen Schwur.

„So wahr der Schöpfer über mir,
steh ich auf eignem Boden hier!“
Und solcher Schwur der überzeugte,
vor ihm sich das Gericht auch beugte.

Kein Mensch begriff den Doppelsinn,
der in dem Schwure steckte drin.
Und weil die Gräfin so geschworen,
die zwei Gemeinden dort verloren.

Nunmehr der Weg war für sie frei
zu Geld, Vergnügen, Tändelei.
Jetzt selten sie war noch zu Haus;
sie lebte nun in Saus und Braus.

’s blieb nicht mehr viel für ihre Erben,
als schließlich sie dann mußte sterben.

Erst kurz bevor sie dann verschied,
in Todesangst sie noch verriet,
wie einst sie vor’s Gericht gegangen
und wessen sie sich unterfangen.

Schon hieß es, eh’ sie noch gestorben.
„Zu Unrecht ward der Wald erworben!“
Und bald darauf fings an zu munkeln:
„Im Rockertwald spukt es im Dunkeln!“

Schon hatten manche mehr gesehn,
und ’s hieß: „Die Gräfin muß dort gehn!“
Und andre meinten ganz verstört,
daß sie dort auch schon was gehört.

So mußte umgehn sie ohn’ Ruh,
und schaurig tönte ihr Hu, Hu!
Sie war mit ihrer Hundemeute
gar bald der Schrecken aller Leute,
die nachts noch durch die Rockert mußten
und die von ihrem Treiben wußten.

Es wird von ihr noch heut erzählt,
wie sie die Menschen hat gequält.
Die einen hat sie nur verwirrt,
daß sie vom Wege abgeirrt.
Doch, wer sie schalt, erhielt oft gleich
von rechts und links ’nen Backenstreich.

Und manche hat sie arg gehetzt,
auf ihren Rücken sich gesetzt,
sich tragen lassen oft recht lange.
Wie war den Leuten da so bange!
Sehr vielen ward die Ruh geraubt.

Die haben fest daran geglaubt.
Doch manche haben auch gelogen
und aus dem Spuk Vorteil gezogen,
die z’Scheuern lang im Sternen weilten
und nachts noch durch die Rockert eilten.

Sie hatten dort zuviel getrunken,
sind unterwegs wo umgesunken.

Sie redeten sich klug heraus,
wenn morgens erst sie warn zu Haus,
und um des lieben Weibes Huld
bekam das Rockertweib die Schuld.

Viel Jahre hat es so gegeistert,
bis Aufklärung den Spuk gemeistert.
Doch lernen wir aus der Geschicht’.
„Unrecht Gut gedeihet nicht!“

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